Dr. Michael Schmidt-Salomon, Trier

Von der Negation zur Position

Über die Notwendigkeit säkularer sozialer Dienstleistungen

 

Es entspricht nicht gerade dem Trend der Zeit, energisch für säkulare soziale Dienstleistungen einzutreten. Wozu auch?, mag man fragen. Leben wir nicht in einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft, in der die Bindungskraft christlicher Glaubensinhalte ohnehin zunehmend schwindet? Kann man nicht schon von einer „entchristlichten Gesellschaft" sprechen angesichts der Tatsache, daß nur eine verschwindend kleine Minderheit von 13% der westdeutschen und 6% der ostdeutschen Bevölkerung an die Existenz der Hölle glaubt? (1)  (Zum Vergleich: In den USA halten immerhin 65% der Bevölkerung an diesem zentralen Element der „frohen" Droh-Botschaft des biblischen Christus fest !! (2))
Warum also noch eine dezidiert säkular ausgerichtete Sozialarbeit fordern? Hieße das nicht, Eulen nach Athen zu tragen?
Meines Erachtens übersieht dieser häufig vorgebrachte Einwand drei wichtige Aspekte, nämlich:
1. Ohne ein verstärktes Angebot an säkularen sozialen Dienstleistungen wird das real existierende Elend der „Zwangskonfessionalisierten" (Definition s.u.) nicht aufzuheben sein.
2. Ohne postreligiöse Grundausrichtung wird die wichtige Aufgabe der Entideologisierung der bestehenden pädagogischen/sozialen Theorie und Praxis nicht produktiv bewältigt werden können.
3. Last but not least: Wenn es den säkularen Kräften nicht gelingt, den Schritt von der reinen Negation (der Kritik an den bestehenden Sozialstrukturen) hin zur Position (zur Entwicklung positiver Alternativen) zu vollziehen, wird die Gefahr ansteigen, daß den gewaltigen Herausforderungen der Weltrisikogesellschaft schon in naher Zukunft vermehrt mit regressiven (doktrinären) Lösungsstrategien begegnet wird.

Schauen wir uns diese drei Argumentationsstränge im folgenden etwas genauer an.

1. Das Elend der Zwangskonfessionalisierten

Es ist eine merkwürdige, aber empirisch hinreichend belegte Tatsache, daß die Deutschen zwar einerseits mit kirchlichen Dogmen herzlich wenig anzufangen wissen, daß sie aber andererseits den Kirchen dennoch zu zwei Dritteln als Mitglieder angehören, obwohl dies auf lange Sicht mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist. (Im Laufe eines Arbeitslebens sammeln sich hier immerhin einige zehntausend DM an.)
Die beobachtete Diskrepanz kann mit verschiedenen Deutungsmustern erklärt werden. So kann man z.B. darauf verweisen, daß die meisten Taufschein-ChristInnen die mit der Kirchenmitgliedschaft verbundenen Steuerabgaben tolerieren, weil sie fälschlicherweise unterstellen, daß die Kirchensteuereinnahmen vorwiegend für soziale Zwecke verwendet werden. (In Wahrheit werden sie jedoch - wie wir u.a. aus den Untersuchungen von Horst Herrmann und Gerhard Rampp wissen - fast ausschließlich für kircheninterne Zwecke eingesetzt, z.B. zur Finanzierung der hohen Priester- und Pfarrergehälter, die sich im Monat auf rund 8.000 DM belaufen.) (3)
Ein anderer Grund für die seltsame Kirchentreue kirchenferner Menschen dürfte allerdings gewichtiger sein: Viele treten allein deshalb nicht aus der Kirche aus, weil sie sich einen Kirchenaustritt aus sozialen und/oder ökonomischen Gründen nicht leisten können.(4)  Die Vormachtstellung konfessionell gebundener Träger im sozialen Bereich hat nämlich zu einer „Zwangskonfessionalisierung" breiter Bevölkerungsteile geführt.
Mit  dem Begriff ?Zwangskonfessionalisierung" kennzeichne ich jene häufig übersehene Form von struktureller Gewalt, unter der vor allem Angehörige sozialer Berufe (PädagogInnen, PsychologInnen, MedizinerInnen, Alten- und KrankenpflegerInnen usw.) insbesondere im Süden Deutschlands zu leiden haben. Sie sind aus beruflichen Gründen zur Kirchenmitgliedschaft gezwungen, weil Ausbildungs- und Arbeitsplätze weitgehend von konfessioneller Seite kontrolliert werden. (Bekanntlich werden in vielen Krankenhäusern z.B. die Stellen des Pflegepersonals ausschließlich von Caritas-MitarbeiterInnen besetzt. ) (5)

Was Zwangskonfessionalisierung als Form von struktureller Gewalt im Berufsalltag bedeutet, läßt sich ablesen an dem Grundsatzurteil, das die Kirchen vor mehr als einem Jahrzehnt vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe erstritten haben. Diesem Urteil zufolge haben die kirchlichen Tendenzbetriebe das Recht, jederzeit Mitarbeiterlnnen bei Verstoß gegen die - kirchlich eng verstandene - Loyalitätspflicht zu kündigen. Das heißt konkret: Die bloße Wahrnehmung von Grundrechten (z. B. Eheschließung mit einem bereits geschiedenen Partner) kann schon mit dem Arbeitsplatzverlust geahndet werden. Daß ausgerechnet der größte private Arbeitgeber Europas, der Deutsche Caritasverband, (6) auf solche Weise - staatlich subventioniert - Tag für Tag verfassungsmäßig garantierte Rechte negiert, darf als skandalös bezeichnet werden.
Zwangskonfessionalisierung finden wir aber nicht nur auf der Seite der Dienstleistungsanbietenden, sondern auch auf der Seite der Dienstleistungskunden. Viele Menschen, die soziale Dienstleistungen in Anspruch nehmen, sind durch die im sozialen Sektor errungene Übermacht der Kirchen so sehr eingeschüchtert, daß sie - entgegen ihrer weltanschaulichen Überzeugung - niemals einen Kirchenaustritt wagen würden. Die subjektiven Gründe hierfür sind evident: Es bedarf keiner großen Empathiefähigkeit, um sich vorzustellen, wie sich ein religionsfreier Mensch fühlen mag, wenn er sich - ausgerechnet in einer Notsituation - an eine konfessionell geprägte Einrichtung wenden muß
Wie es scheint, haben die Kirchen schon vor längerer Zeit erkannt, daß sie keine Gotteshäuser mehr bauen müssen, um ihre gesellschaftliche Macht zu behaupten, sondern Kindergärten, Altersheime und Krankenhäuser. Sie wissen: Wer den Sozialbereich beherrscht, der kontrolliert ein Kernelement der Gesellschaft. Insofern muß man die gezielt vorangetriebene konfessionelle Eroberung des Sozialbereichs als einen der geschicktesten Machtfeldzüge der Kirchen ansehen.

Ziehen wir an dieser Stelle ein erstes Fazit: Das Elend der Zwangskonfessionalisierung wird solange nicht aufzuheben sein, solange die Menschen von der Wiege bis zur Bahre vornehmlich mit konfessionell bestimmten Institutionen konfrontiert werden. Schon allein aufgrund der stetig anwachsenden Zahl von Konfessionslosen (knapp ein Drittel der Gesellschaft) und Zwangskonfessionalisierten (schätzungsweise ein  Dritte der Kirchenmitgliederl) bedarf es dringend einer Steigerung  des Angebots säkularer sozialer Dienstleistungen. Ziel sollte sein, ein möglichst weit gespanntes Netz von säkular ausgerichteten Dienstleistungszentren zu knüpfen, von Kindergärten über Beratungs- und Therapieeinrichtungen, Schulen und Bildungszentren bis hin zu Altersheimen und Instituten für postreligiöse Trauerfeiern.
 

2. Zur notwendigen Entideologisierung pädagogischer/sozialer Theorie und Praxis

Bekanntlich waren Pädagogik und Sozialarbeit von Anfang an tief verwurzelt im religiösen Denken. Von daher ist es nicht verwunderlich, daß der Sozialbereich auch heute noch in seiner Gesamtheit (das heißt: auch außerhalb der konfessionell getragenen Einrichtungen) stark durch religiöse Leitbilder und Vorbehalte geprägt ist, die - so läßt sich aus kritischer Distanz erkennen - allzu häufig eine effiziente, den Menschen dienende, soziale Arbeit schwierig bis unmöglich machen.
Dies zeigt sich vor allem im pädagogischen/psychologischen Umgang mit Sexualität. Nicht nur in christlichen Heimen wird  auch heute noch Homosexualität wie ein Verbrechen bekämpft, wird das freie Gespräch über Sexualität im allgemeinen und Pornographie/Onanie im besonderen umgangen oder - was noch schlimmer ist - durch moralisierende Gardinenpredigten ersetzt. Christliche Vorbehalte finden sich aber nicht nur in der Heimerziehung, sondern auch in der nicht konfessionell gebundenen Familienarbeit oder Partnerschaftsberatung, wo allzu häufig die Ideologie der heiligen Ehe/Familie mit der Wirklichkeit verwechselt wird, oder in der Drogenarbeit, wo das individuelle Recht auf Rausch, das sich daraus ergibt, daß jeder Mensch prinzipiell das Recht hat, sein Leben so zu gestalten, wie er/sie es will, auf dem Hintergrund einer antihedonistischen Wirklichkeitskonstruktion negiert wird. (Dabei scheint es die jeweiligen PädagogInnen oder PsychologInnen kaum zu stören, daß ihre Handlungsweise im höchsten Maße kontraproduktiv ist, denn das Verbot der Pornographie führt in realiter zum Boom insbesondere der Gewalt-Pornographie, die Ideologie von Ehe und Familie fördert den Zusammenbruch der real existierenden Ehen und Familien und die Negation des Rechts auf Rausch ist sicherlich einer der Gründe für den unkontrollierten und lebensundienlichen Umgang mit Rausch.) (7)
Halten wir fest: In Pädagogik und Gesellschaft leben viele religiöse Schrecken in säkularer Gestalt unverändert fort. Wirklich überwunden ist weder die christliche Sexualneurotik, noch z.B. die hochgradig psychopathogene Vorstellung von Sünde und Hölle, die in Form von zwanghaften Schuldzuweisungen und -vorwürfen überlebt hat. (8)
Wir können folgern: Es ist entscheidend, daß es gelingt, all diese jenseitsnormierten blinden Flecken pädagogischer und sozialer Theorie und Praxis mehr und mehr aufzudecken, denn die Befreiung von religiöser Umklammerung stellt den ersten Schritt dar, der in Richtung einer offeneren, weniger bornierten Denk- und Handlungsorientierung gegangen werden muß.
Pointiert formuliert: Erst wenn sich Pädagogik von religiösen Vorstellungen befreit hat, ist sie offen für die notwendige Infragestellung ihrer Konzepte, Methoden, Normen und Traditionen. „Offenheit statt Offenbarung!", lautet die Leitmaxime jeder kritisch-selbstreflexiven pädagogischen Theorie und Praxis.
Wir sehen: Die Steigerung des Angebots an säkularen sozialen Dienstleistungen ist nicht nur deshalb dringend geboten, weil die Zahl der Konfessionslosen und der „Zwangskonfessionalisierten" ständig zunimmt, sondern auch, weil dies darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Verbesserung der Qualität der pädagogischen Arbeit darstellt, einer Qualität, die übrigens - entgegen der oft gehörten Redewendung - in vielen Fällen nicht gesichert, sondern überhaupt erst einmal erreicht werden muß.
 
 

3. Von der Notwendigkeit positiver Alternativen in der Risikogesellschaft

Die „Risikogesellschaft" (Ulrich Beck) hat uns Heutige zur Freiheit verurteilt.  - zumindest in gewisser Hinsicht. Das, was einst als avantgardistischer Kern   existentialistischer Weltauffassung galt, mutiert gegenwärtig zur  banalen Alltagserfahrung. Wir haben die Qual der Wahl: Das "ganze Leben" erscheint (nicht nur dem Schlagerfan) als "ein Quiz", in dem jedeR Einzelne sich stets neu entscheiden muß, wie seine/ihre ganz persönlichen Antworten auf die großen und kleinen Fragen des Lebens aussehen.  Die Institutionen, die einst bei vielen dieser Entscheidungen helfend zur Seite standen, haben an Bedeutung verloren.  Das Individuum wählt zunehmend autonom, ob es die Hochschule und/oder die Tanzschule absolviert, ob es sich im Heimatverein, in der Kirche, der Familie, in einem Verein für Pudelzucht  oder einer Tantra-Selbsterfahrungsgruppe engagiert.  Kurz: Im Prozeß  der Individualisierung wurden wir - zumindest auf den ersten Blick! - schonungslos verurteilt: zur Freiheit auf Lebenszeit.  Das klingt vielleicht besser, als es in Wirklichkeit ist. Denn ob der Prozeß der Individualisierung zur Autonomie des Individuums oder zum Zustand der Anomie führt, was letztlich eine neue Unmündigkeit zur Folge haben könnte, das ist bislang noch keineswegs geklärt.
In der Tat mehren sich seit geraumer Zeit die Anzeichen dafür, daß der postmoderne Zwang zur Freiheit viele zu einer Flucht in religiösen Dogmatismus drängt. Unter den gegenwärtigen wertunsicheren, pluralen Bedingungen verschärft sich bei vielen der Wunsch nach Klarheit, Überschaubarkeit, Sicherheit. In dieser Situation bedarf es - das können wir aus der Genese der Katastrophen dieses Jahrhunderts ablesen - nur noch einiger mittelschwerer sozioökonomischer Krisen und schon dürften wir wieder einmal mit einem kometenhaften Anstieg aller möglichen Formen von Extremismus und Fundamentalismus konfrontiert sein. (Auch der Siegeszug der politischen Religion „Nationalsozialismus" (9)  speiste sich bekanntlich aus jenem auch heute wieder anzutreffenden, hochexplosiven Gemisch von unverdautem Pluralismus/Relativismus auf der einen und wirtschaftlicher Krisenentwicklung auf der anderen Seite.)
Stellt sich die Frage: Kann das erneute Abgleiten in prämoderne Denk- und Handlungsmuster umgangen werden? Und wenn ja: Wie?
Natürlich gibt es hierfür keine Patentrezepte. Allerdings besteht Hoffnung, daß das Schlimmste verhindert werden kann, wenn es gelingt, rechtzeitig kulturelle Gegengifte zu etablieren. Dies aber verlangt, daß diejenigen, die den Rückfall in Totalitarismus verhindern wollen, gewillt sind, entschiedener als heute voranzuschreiten von der reinen Negation, der Kritik am Bestehenden, hin zur Position, zum Aufzeigen und Umsetzen humaner Alternativen.
An diesem Punkt könnte uns vielleicht ein wenig Entwicklungshilfe aus Indien guttun. Ich denke hierbei vor allem an die praktische Philosophie Goras, des mit Gandhi befreundeten Gründers des Atheist Center in Vijayawada (Südindien), der schon vor Jahrzehnten den Weg gewiesen hat, den wir auch hierzulande zunehmend einschlagen sollten: Gora hatte erkannt, daß Atheismus als rein negative, auf die Widerlegung von Gottesbeweisen bedachte Philosophie wenig an der Misere der Menschen verändern konnte. Er verlangte deshalb, positiv Stellung zu beziehen (daher sein Begriff des „positiven Atheismus"), humane Alternativen zum bestehenden Unrecht zu entwickeln und alle Ansätze in diese Richtung energisch zu fördern. Und - es gibt nichts Gutes, außer: man tut es - : In diesem Fall blieb es glücklicherweise nicht bei den edlen Worten: Mehr als 55 Jahre erfolgreiche säkulare Sozialarbeit haben das Atheist Center in Vijayawada zu einem der glänzenden Aushängeschilder der internationalen humanistischen Bewegung gemacht.
Doch zurück ins krisengeschüttelte Deutschland der späten 90er Jahre: Es spricht einiges dafür, daß die radikale Wertekrise, von der unsere Gesellschaft heute befallen ist, uns - neben der Gefahr des Rückfalls in vormoderne Denk- und Handlungsmuster - auch eine große historische Chance bietet. Wie gesagt: Die traditionellen Sinnstiftungsagenturen (vor allem die Kirchen) haben an Bedeutung verloren, während das subjektive Bedürfnis nach Sinn bei den Individuen geblieben, wenn nicht sogar unter dem Druck des Werte-Vakuums gestiegen ist. In dieser Situation ist entschiedenes Handeln von seiten der säkularen Kräfte angesagt. Wenn wir das frei gewordene „Sinnstiftungsfeld" nicht vollends antiaufkärerischen, esoterischen und volksreligiösen Gruppen überlassen wollen (wovor ich nur entschieden warnen kann!), so ist dringend geboten, daß sich die progressiven Kräfte endlich zusammenschließen, um ein Netzwerk humanistisch ausgerichteter, säkularer Sozialdienste aufzubauen. (In diesem Zusammenhang wäre u.a. auch die Gründung eines alternativen Wohlfahrtsverbandes in Betracht zu ziehen. (10) )
Als Fernziel sollte ins Auge gefaßt werden, daß all die Dienstleistungen, die heute vom Diakonischen Werk und der Caritas abgedeckt werden, auch von säkularen, der Aufklärung konsequent verpflichteten Institutionen übernommen werden können. Anzustreben wäre darüber hinaus, das Monopol der Kirchen auch auf ihrem ureigensten Terrain (dem Gebiet der Kulthandlungen) zu durchbrechen, nämlich durch die Erfindung und Etablierung neuer, alternativer Rituale, die es ermöglichen, die markanten Eckpunkte der menschlichen Existenz (z.B. Geburt, Partnerbindung, Tod) auch im nicht-religiösen Kontext angemessen zu würdigen.

Schluß: Ob die Etablierung eines solchen, für sich allein schon utopisch anmutenden, humanistischen Dienstleistungsnetzes uns tatsächlich in die Lage versetzen kann, den befürchteten Rückgriff auf doktrinäre Lösungskonzepte entgegenzusteuern, ist schwer zu beantworten. (Bei allen positiven Effekten, die eine Sozialisation in humanistisch ausgerichteten Institutionen sowohl für die Ich- als auch für die Gesellschaftsentwicklung haben dürfte: Ohne eine entschiedene Neuordnung des politischen wie wirtschaftlichen Wirkungsgefüges wird hier aller Wahrscheinlichkeit nach wenig auszurichten sein.)
Angesichts der zunehmend katastrophaler werdenden Weltverhältnisse bleibt uns daher letztlich wohl nichts anderes übrig, als auf eine Art „Wunder" zu hoffen. Allerdings - und das unterscheidet den postreligiösen „Wunderglauben" vom religiösen: Wir Postreligiösen können die Verantwortung für den Weltzustand keinem Gott und auch keinem Gesetz des Kosmos mehr unterschieben. Vielmehr ist jeder von uns verpflichtet, sich so zu verhalten, als ob das „Wunder" nur von ihm bzw. ihr selbst abhängen würde.  Dies mag als anstrengend empfunden werden. Aber dies ist wohl der Preis, den der ethisch denkende Mensch für die Befreiung aus religiöser Umklammerung zu zahlen hat.
 

Kontakt: AG Säkulare Soziale Dienstleistungen Leitung: Michael Schmidt-Salomon Monter Wiese 27, 54309 Butzweiler. Tel: 06505/99053 Fax: 06505/99054 eMail: M.S.Salomon@t-online.de

Anmerkungen:

(1)  Zahlenangaben nach HÖLLINGER, Franz (1996): Volksreligion und Herrschaftskirche. Die Wurzeln religiösen Verhaltens in westlichen Gesellschaften. Opladen.
(2)   Zur Bedeutung der Höllenandrohung in der christlichen Religion siehe u.a. BUGGLE, Franz (1992): Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann. Reinbek., oder: SCHMIDT-SALOMON, Michael (1997): Leben ohne Gott - eine Entscheidung für den Menschen. In: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für humanistische Philosophie und freies Denken 1/1997.
(3)   Der von der Kirche geschürte Glaube, unsere soziale Versorgung würde zusammenbrechen, wenn die Kirchensteuer wegfiele, ist schlichtweg falsch. Eher ist das Gegenteil der Fall: Der Staat würde  pro Jahr einige Milliarden sparen, wenn er die sozialen Einrichtungen selbst tragen und dafür die ungeheure Subventionierung der Kirchen streichen würde. Denn, was die wenigsten wissen: Kircheninterne Anliegen werden aus dem Topf der allgemeinen Steuern mit Summen in zweistelliger Milliardenhöhe gefördert. So erhalten z.B. die Bischöfe, Erzbischöfe und Landesbischöfe ihre Gehälter von  bis zu 20.000 DM monatlich nicht aus dem Fundus der Kirchensteuer, sondern direkt aus der Staatskasse. (Vgl. hierzu  RAMPP, Gerhard (1995): Kirche und Geld. Die untrennbaren siamesischen Zwillinge. In: REINSDORF, Clara/REINSDORF, Paul (Hrsg.): Drahtzieher Gottes. Die Kirchen auf dem Marsch ins 21. Jahrhundert. Aschaffenburg
(4)  Eine von mir initiierte Umfrage im studentischen Milieu ergab, daß ca. ein Drittel der Befragten sich als zwangskonfessionalisiert einschätzten. Leider gibt es - meines Wissens - bisher zu dieser Thematik noch keine systematisch ausgeführten, empirischen Untersuchungen.
(5)  vgl. hierzu wie zum folgenden den politischen Leitfaden des IBKA
(6)  Gegenüber dem Deutschen Caritasverband (407.000 Beschäftigte) erscheinen die Daimler Benz AG (251.000 Beschäftigte) und VW (161.000) fast als Kleinunternehmen. (Zahlenangaben nach RAUSCHENBACH, Thomas et al (Hrsg.) (1995): Von der Wertgemeinschaft zum Dienstleistungsunternehmen. Jugend- und Wohlfahrtsverbände im Umbruch. Frankfurt/M., S. 338f.)
(7)  Wir haben es hier mit der von WATZLAWICK beschriebenen Figur des „mehr desselben" zu tun, bei der bekanntlich der Lösungsversuch selbst Teil des Problems ist (vgl., WATZLAWICK, Paul et al (1988): Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Bern, Stuttgart, Toronto, S.51ff.)
(8)  vgl. hierzu WATTERS, Wendell (1995): Tödliche Lehre. Neustadt.
(9)  vgl. hierzu LEY, Michael/SCHOEPS, Julius (Hrsg.) (1997): Der Nationalsozialismus als politische Religion. Bodenheim b. Mainz.
(10) Überlegungen in diese Richtung gab es bereits. Hieran könnte man anknüpfen...

 

veröffentlicht in: MIZ/Materialien und  Informationen zur Zeit. 4/1997, sowie in: humanismus heute 3/98


 
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